Anhand immer wiederkehrender Diskussionen in Hochzeitsfotografencommunities wird es mal wieder Zeit für einen Beitrag aus der Kategorie „Hinter den Kulissen“.

Blitz, du Störenfried!

Kein Thema polarisiert in der Fachwelt der Hochzeitsfotografen so sehr wie die Frage, ob der Einsatz eines Blitzes in der Kirche erlaubt ist oder nicht.

Viele Kollegen folgen der Doktrin, Blitzen in der Kirche sei ein „No-Go“, verfechten damit undifferenziert ein Generalverbot und erheben sich somit über die gesamte Branche und die Arbeitsweise aller anders denkenden Kollegen weltweit. Das geht so nicht und muss aus der Welt geräumt werden.

In den meisten Fällen kann tatsächlich auf den Einsatz eines Blitzes verzichtet werden: oft sind in Deutschland selbst die dunkelsten Kirchen noch ausreichend hell und die fortschreitende Entwicklung der Kamerasensoren ermöglicht in Verbindung mit lichtstarken Objektiven von Jahr zu Jahr bessere Ergebnisse – ganz ohne Zuhilfenahme zusätzlicher Lichtquellen.

Aber die Welt ist groß und die Kirchen sehr verschieden. Ich habe schon in Kirchen fotografieren müssen, bei denen der einzige Lichteinlass durch eine seitliche Tür im hinteren Bereich lag. Das einfallende Licht genügte gerade, um beim Einmarsch ausreichend sehen zu können um sich nicht zu verlaufen. Da das Paar aber mit dem Rücken zu dieser Lichtquelle saß, kam von vorne quasi gar kein Licht mehr an. Es war so wenig, dass selbst der Autofokus kein Ziel mehr erkennen konnte und die Arbeit quittierte.

Zu behaupten, ein gutes Equipment würde mit jeder Lichtsituation klarkommen ist genauso falsch wie die Aussage, man könne aus einem leeren Glas Wasser trinken, wenn das Glas denn nur gut genug wäre.

Dazu ein kurzer Ausflug in die Etymologie: der Begriff Fotograf setzt sich aus den griechischen Worten „photon“ und „graph“ zusammen. Übersetzt heißt das „Licht“ und „Zeichner“. Ein Fotograf ist also einer, der mit dem Licht zeichnet. Und wo kein Licht ist, gibt es nun mal nichts zu zeichnen (die Sache mit dem leeren Glas).

Also warum sollte man sich in einer unmöglichen Lichtsituation an einer vermeintlichen und vor allem unsinnigen Regel festklammern, von der eigentlich niemand die genaue Herkunft kennt?

Blitzen in der Kirche - ja oder nein?

Auf Spurensuche: wie kam es zu der dogmatischen Ansicht?

Die Ursache, warum sich diese unsinnige Regel hartnäckig hält, kann ich mir so erklären, dass ein großer Teil der Kollegen die Lichtverhältnisse in ausländischen Kirchen nicht kennt und deswegen die Notwendigkeit nicht sieht, auch mal den scheinbar einzigen Pfad zu verlassen und nach rechts und links zu schauen.

Man muss die Frage stellen, warum das Blitzen denn überhaupt verboten sein soll? Ich meine… wieso in Herrgottsnamen muss ich auf ein wichtiges Werkzeug meiner Tätigkeit verzichten? Meist werden von den Verfechtern diese beiden Gründe angeführt:

Irrtum Nummer 1:
Das Blitzen stört die Zeremonie

Dieses Argument ist nur eingeschränkt richtig. Selbstverständlich kann das Blitzen störend wirken – wenn man es falsch macht! Und derer Möglichkeiten gibt es viele.

Serienfotos mit Blitzlichtgewitter und direktes Anblitzen sind dafür wohl die prominentesten Beispiele.

Es geht aber auch anders. Gezieltes, sparsames Fotografieren und indirektes Blitzen machen da schon eine Menge aus und lassen die Arbeit des Hochzeitsfotografen dezenter erscheinen.

In der Regel wird sparsames, indirektes Blitzen weder von der Hochzeitsgesellschaft noch vom Pfarrer überhaupt wahrgenommen.

Irrtum Nummer 2:
Geblitzte Fotos sehen nicht gut aus

Ja, das stimmt. Zumindest dann, wenn das Blitzlicht falsch eingesetzt wird. Es ist eigentlich wie beim ersten Argument: wenn man es richtig macht, bekommt man ein natürliches und vernünftiges Ergebnis.

Aber einige Hochzeitsfotografen stehen mit ihrem Aufsteckblitz auf Kriegsfuß und dominieren das Gerät nicht. Die richtige Anwendung eines Systemblitzes ist keinesfalls einfach und man muss ein gewisses Verständnis und Gefühl dafür entwickeln. Und wenn man in einer stockdüsteren Umgebung arbeitet, muss die Handhabung des Blitzes mit noch sehr viel mehr Sensibilität erfolgen, denn hier ist eine Störung durch das Blitzen tatsächlich sehr schnell gegeben.

Ich habe für diesen Beitrag drei Beispielfotos herausgesucht. Zwei davon kamen ohne Blitz aus, beim dritten Bild war das Blitzen eine absolute Notwendigkeit. Der Einsatz des Blitzes hat niemanden gestört und der Bildeindruck ist natürlich. Für eine vergrößerte Ansicht einfach auf das jeweilige Foto klicken:
Blitzen in der Kirche - ja oder nein?

Beispiel 1: Aufnahme aus einer hellen Kirche in Bayern. Die Lichtverhältnisse sind ideal. Auf einen Blitz kann man hier sehr gut verzichten.

1/200 bei f/2.8, ISO 1600, kein Blitz

Blitzen in der Kirche - ja oder nein?

Beispiel 2: In einer Kirche in der Nähe von Hannover war es schon etwas dunkler. Das punktuelle Licht schafft eine ganz besondere Atmosphäre.

1/1250 bei f/4.0, ISO 2500, kein Blitz

Blitzen in der Kirche - ja oder nein?

Beispiel 3: Ein fensterloses Gewölbe. Im Hintergrund gab es einige LED-Scheinwerfer. Nur mit Blitz war ein brauchbares Ergebnis zu erreichen.

1/60 bei f/2.8, ISO 3200, mit Blitz

So stimmts: Nicht stören statt nicht blitzen!

Die oberste Devise während der Fotoreportage in der Kirche sollte heißen, auf keinen Fall die Zeremonie zu stören und so dezent wie möglich zu arbeiten – aber eben auch mit dem Einsatz der notwendigen Mittel im notwendigen Maße, um unseren Kunden die Qualität zu liefern, die sie von uns Profis erwarten und weswegen sie uns engagieren.

Der Fotograf Franco Baroni hat es neulich bei einer öffentlichen Diskussion gut zusammengefasst: „Klar ist hier jeder anderer Meinung, der eine schraubt die ISO in unendliche, der andere blitzt dezent – ich meine jetzt nur Einzug mit Bewegung. Ich gehe da auf Nummer sicher und weil mir die hohen ISO-Einstellungen immer die Farben „zermantschen“, setze ich den indirekten Blitz ein. Wie gesagt hat sich noch kein Pfarrer bei mir deshalb beschwert und darauf achte ich natürlich sehr…!! Und wie dezent der indirekte Blitz agiert sieht man daran, dass man in den Bildern eben nicht sieht oder vermutet, dass geblitzt worden ist. Allerdings komme ich in den meisten Kirchen auch ohne Blitz gut zurecht – aber der steckt sicherheitshalber immer drauf, sobald ich in die Kirche wechsle.“

Franco Baroni ist Gründer der Initiative „Trauzone“, die sich für ein besseres Verständnis zwischen Pfarrer und Hochzeitsfotografen einsetzt.

Es ist erstaunlich, was die Pfarrer bei ihren Traugottesdiensten alles erleben müssen. Da werden mitten in der Zeremonie Anweisungen vom Fotografen gegeben, die Dekoration umgerannt oder lautstark während des Gebets ausgelöst. Das Blitzen ist da noch das kleinste Übel. Trotzdem kann man in Hinblick auf das Benehmen einiger Kollegen verstehen, warum die Pfarrer so viele Verbote – unter anderem auch für das Blitzen – aussprechen.

Aber es gibt einen Lichtblick: Die Trauzone veranstaltet Workshops für Hochzeitsfotografen, in denen vermittelt wird, wie man sich dezent auf einer Hochzeit benimmt ohne zu stören und trotzdem noch zu seinen guten Fotos kommt.

Einen schönen Einblick in die Arbeit der Trauzone bekommt man mit diesem Trailervideo:

Ist Blitzen in der Kirche nun erlaubt? Ich sage: ja!

Falls es noch nicht klar geworden ist: ich will nicht für einen generellen Blitzeinsatz sprechen. Hat man geeignete natürliche Lichtquellen zur Verfügung – z. B. ein paar Kerzen – kann das schon genug sein um auf den Blitz zu verzichten.

Manchmal ist aber selbst das nicht gegeben und es ist tatsächlich überhaupt kein Licht vorhanden. Für diesen Fall muss man sich einfach mal von diesem unsinnigen Generalverbot lösen. Falls man sich unsicher ist, einfach vorher kurz mit dem Pfarrer sprechen.

Ein Hochzeitsfotograf der sich im Gesamtpaket dezent verhält, wird auch mit dem gezielten Einsatz des Blitzes nicht zum Störfaktor. Ob der Blitzeinsatz in der Kirche aber tatsächlich erlaubt ist, entscheidet am Ende selbstverständlich der Pfarrer.