Das neue Zeitalter der spiegellosen Fotografie

Spiegellose Systemkameras haben schon längst Einzug in die Hochzeitsfotografie gehalten. Das erste mal kam das Thema für mich auf den Tisch, als Sony sein Modell Alpha 7s auf dem Markt brachte. Diese Kamera glänzte durch die besonders gute Fähigkeit, auch bei schlechten Lichtverhältnissen (wie wir Hochzeitsfotografen sie z. B. in Kirchen vorfinden) immer noch hochwertige Ergebnisse zu liefern. Der schnelle Autofokus saß treffsicher und Rauschverhalten sowie Farbdynamik waren auch bei hohen ISO-Werten bis dato unerreicht. Trotzdem konnte mich diese Kamera nie reizen, denn ihr fehlte der aus meiner Sicht unverzichtbare zweite Speicherkartenslot.

Im Juli 2017 leitete Fuji mit dem Modell XT-2 die Wende in der Hochzeitsfotografie ein. Immerhin verfügt dieses Modell über den heiß ersehnten zweiten Kartenslot und wurde damit hochzeitstauglich. Unzählige Kollegen stießen nun ihr DSLR-Equipment ab und rüsteten komplett auf das spiegellose System um. Hieß es aber vorher noch aus aller Munde „Außer Vollformat kommt mir nichts ins Haus“, wurde plötzlich der halbformatige Kompromiss akzeptiert. Die Vorzüge der Fuji XT-2 überwogen offenbar den Nachteil des kleineren Sensors. Aber nicht für mich. Ich wollte diesen Kompromiss nie eingehen. Wenn ich schon umsteige, dann muss ich vollends überzeugt sein. Also schenkte ich auch dieser Kamera keine weitere Beachtung und so blieb ich erstmal meinem DSLR-System von Canon treu.

Kommen wir nun zum Kern der Geschichte, meiner ersten Erfahrung mit einem spiegellosen System.

Mit der Sony A9 auf einer Hochzeit – Ein Erfahrungsbericht

Einleitend möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Artikel kein vollständiger Testbericht ist. Ich habe die Kamera weder irgendwelchen Vergleichstests unterzogen, noch kann ich mit der Analyse von Fotos aus der Hochzeit aufwarten, da ich die Bilder nicht öffentlich zeigen darf. Ich habe die Kamera einfach mal produktiv ausprobiert. Diese Erfahrung möchte ich gerne mit Euch teilen.

Das Fazit vorneweg: Die Sony Alpha 9 (auch ILCE-9) ist aus meiner Sicht das erste brauchbare Modell aus der spiegellosen Familie, das für Hochzeitsfotografie wirklich geeignet ist (zwei Kartenslots, guter Autofokus, Vollformat, super Rauschverhalten und Farbdynamik bei High ISO). Alle Fuji-Jünger mögen mir diese Aussage verzeihen. Ich beurteile das lediglich aus meinem persönlichen Anspruch heraus, den ich an eine Kamera stelle.

Die Kamera wurde mir freundlicherweise von Foto Ruano Pro zur Verfügung gestellt, dem einzig nennenswerten Profishop für Fotoequipment auf Mallorca. Da ich wissen wollte, ob ein eventueller Systemwechsel vorläufig mit geringem finanziellen Aufwand durchgeführt werden kann, habe ich auf den Einsatz nativer Linsen verzichtet und stattdessen mit meinen beiden Sigma-Linsen aus der Art-Serie gearbeitet (24mm und 50mm). Das war mit dem Sigma-Adapter MC-11 möglich, der den Sony e-Mount zu einem Canon EF-Mount macht.

Autofokus mit Adapter und Canon-Linsen

Um es ganz kurz zu machen: die Arbeit mit Adapter ist für Hochzeiten fast nicht zu gebrauchen. Ich bin zwar zurechtgekommen, musste aber auf viele Vorzüge des leistungsstarken Autofokus der A9 verzichten. Das Fokussieren abweichend von der Mitte ist schwierig und zum Rand hin vollkommen unmöglich. Selbst bei besten Lichtverhältnissen hat der Autofokus im Mittelpunkt zeitweise gepumpt. Legte ich die Fokussierung an den Rand, hat der Autofokus sogar vollständig versagt.

Somit konnte ich Features wie z. B. das aktive Fokustracking natürlich nicht austesten. Schade, denn das war einer der Punkte, die mich am meisten interessiert haben. Die Alpha 9 bringt nämlich eine intelligente Gesichtserkennung mit. Man kann dabei zwischen zwei Modi wählen: zum einen die normale Gesichtserkennung oder aber das Erkennen von zuvor registrierten Gesichtern. Letztere Option würde einen ungemeinen Tempogewinn und weniger verpasste Momente bedeuten: hat man die Gesichter von Braut und Bräutigam eingespeichert, braucht man z. B. bei spontanen Gruppensituationen keine Zeit mehr darauf zu verschwenden, den Fokuspunkt an die richtige Stelle zu rücken. Einfach draufhalten, Ausschnitt wählen und das Brautpaar wird automatisch von der Gesichtserkennung erfasst und scharfgestellt. Auch der Einmarsch der Braut dürfte mit dieser Funktion sehr viel einfacher zu handhaben sein.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich trotz der Begrenzung auf den Mittenfokus sehr viel weniger Ausschuss hatte, als ich es von meiner 5D Mark IV gewohnt bin. Beeindruckend.

Update vom 24. August 2017

Da die Sigma Art-Serie derzeit nur für A-Mount angeboten wird, habe ich bei Sigma nachgefragt ob denn ein Anschlusswechsel auf E-Mount möglich sei. Schlechte Nachricht: dem ist leider nicht so. Es ist auch für die nahe Zukunft nichts geplant. Trotzdem gibt es einen Hoffnungsschimmer.

Im Verlauf unserer e-Mail-Korrespondenz schien hindurch, dass der Adapter MC-11 derzeit noch nicht für die Alpha 9 ausgelegt ist. An einem Firmware-Update wird gearbeitet. Ich bin gespannt, ob dieses Update die Nutzung von Canon-Objektiven maßgeblich verbessert.

Manueller Fokus mit Fokus-Peaking

Das manuelle Fokussieren dürfte in den meisten Reportage-Situationen zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Verwendet man auf der A9 beim Brautpaar-Shooting aber manuelle Linsen wie z. B. das New Petzval 85mm, gerät man als Canon-User ganz schnell ins Frohlocken. Während die Scharfstellung beim Blick durch den Sucher einer DSLR eher Glückssache ist, sieht man mit dem Fokus-Peaking haarklein genau, wo die Schärfeebene gerade liegt. So macht das Arbeiten mit manuellen Objektiven plötzlich richtig Freude.

Autofokus mit nativen Linsen

Als ich die Kamera zurückbrachte, habe ich mir noch mal kurz das Zeiss 24-70mm 1:2.8 geben lassen. Ein kurzer Test im Geschäft hat schnell klar gemacht, was der Autofokus tatsächlich leisten kann. Selbst in den Ecken anvisierte Objekte wurden zuverlässig und schnell scharfgestellt und auch das Tracking lief mit einem mal begeisternd problemfrei.

Das Monster: der elektronische Verschluss (e-Shutter)

Der e-Shutter ist die brutalste Innovation. Hierbei wird kein mechanischer Verschluss mehr bewegt, sondern die Daten direkt vom Sensor abgegriffen – und das in einem Affentempo. Im Serienmodus kann man so bis zu 240 RAWs am Stück schießen bei einer Frequenz von 20 Bildern/s. Also 12 Sekunden Dauerfeuer. Das ist sehr ordentlich! Allerdings dauert es dann je nach Leistungsfähigkeit der Speicherkarte etwas, bis alle Daten tatsächlich geschrieben sind. Das Fokus-Tracking setzt in diesem Modus allerdings aus. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass es an der adaptierten Linse gelegen haben kann.

Der elektronische Verschluss arbeitet außerdem absolut lautlos. Richtig gelesen: nicht nur sehr leise, sondern vollkommen ohne Geräusche! Man muss das künstliche Auslösegeräusch einschalten, damit man merkt dass man überhaupt ein Foto gemacht hat, denn es gibt in diesem Modus außerdem keine Dunkelphase zwischen den Bildern. Der künstliche Ton aus dem kleinen Lautsprecher der Kamera ist so unaufdringlich dezent, dass ich während des Getting-Ready gefragt wurde, ob ich denn überhaupt Fotos machen würde.

Beeindruckend ist auch die Verschlusszeit. Mit dem e-Shutter lassen sich die Belichtungszeiten auf bis zu 1/32000 herunterbrechen. Das eröffnet tolle Möglichkeiten bei der Fotografie mit der Offenblende lichtstarker Objektive.

Und weil es zwischen den Bildern keine Dunkelphasen gibt, ist man keinen Moment vom Geschehen getrennt. Braucht man das? Vermutlich nicht. Aber es fühlt sich beim Fotografieren einfach toll an!

Farbdynamik und Rauschverhalten bei hohen ISO-Werten

Die Hochzeit fand bei strahlendem Sonnenschein unter freiem Himmel statt und mein Job endete, bevor es dunkel wurde. Somit kam ich nicht in die Verlegenheit, mit hohem ISO arbeiten zu müssen.

Aber ich wollte es natürlich trotzdem wissen, und so stoppte ich auf dem Heimweg kurz nach Sonnenuntergang an einem Feldrand, um dort einige Tests bei eingeschränktem Licht zu machen. Meine fleißige Assistentin hat sich freundlicherweise für mich vor die Kamera gestellt und alle Eitelkeiten fallen lassen – obwohl sie sieben Stunden in der prallen Sonne bei 40°C geackert hatte. So entstand das Titelbild dieses Artikels (Sigma Art 50mm, ISO 1600).

Moderne DLSR-Kameras liefern bei ISO 1600 ebenfalls sehr gute Ergebnisse, so dass ich in diesem Fall keinen nennenswerten Vorteil der A9 bemerke. Hätte ich den ISO doch einfach mal etwas höher gedreht – aber daran hatte ich in dem Moment nicht gedacht – zu sehr war ich im normalen Foto-Flow. So habe ich mich automatisch auf das notwendige ISO-Minimum beschränkt. Trotzdem: das Ergebnis kann sich doch sehen lassen!

Speicherplatzbedarf: komprimiertes oder unkomprimiertes RAW?

Ich habe die Option zur RAW-Komprimierung erst kurz vor Beginn des Jobs entdeckt und konnte deswegen nicht mehr recherchieren, welche Unterschiede es vom komprimierten zum unkomprimierten RAW gibt. Also habe ich mich vorsichtshalber entschlossen, diese Hochzeit unkomprimiert zu fotografieren.

Unkomprimiert bringt ein Foto ca. 50MB auf die Waage und meine 64GB-Speicherkarten, mit denen ich sonst locker eine Ganztagesreportage fotografiere, waren nach ca. 4 Stunden voll.

Inzwischen konnte ich in Erfahrung bringen, dass die Komprimierung den Speicherplatzbedarf auf ca. 50% reduziert und keine sichtbaren Einbußen haben soll.

Haptik, Bedienbarkeit und Batterielaufzeit

Die A9 lag zu Anfang schon sehr ungewohnt in meiner Hand. Zum einen, weil sie ein ganzes Stück kompakter ist als eine DSLR und zum anderen, weil ich es gewohnt bin, mit Batteriegriff zu fotografieren. Dieser stand mir für den Test nicht zur Verfügung. Aber schon nach kurzer Eingewöhnungszeit fühlte sich die Kamera vertraut an.

Den rückwärtigen Fokusknopf habe ich allerdings erst nach ca. 2 Stunden blind gefunden. Trotzdem rutschte ich zwei mal versehentlich auf den Knopf für die Videoaufnahme, der sich dicht daneben befindet. Das wird aber eine Frage der Gewöhnung sein und nach 2-3 Hochzeiten sollte die Lage des Buttons ins Körpergefühl übergegangen sein.

Das Daumenrad ist gut zu erreichen, trotzdem aber sehr ungewohnt, wenn man mit der großflächigen Scheibe der 5D vertraut ist. An das Rad für den Zeigefinger hingegen konnte ich mich während des gesamten Tests nicht gewöhnen und mein Zeigefinger tanzte permanent wild suchend herum. Da ist definitiv noch mehr Übung notwendig. Drei Wahlräder gewähren eine schnelle Umschaltung von Belichtungsprogramm, Fokussiermodus und Belichtungswahl (+/- 3 Blendenstufen in Drittelschritten).

Zur Batterielaufzeit: mangels Batteriegriff konnte ich nur mit einer Batterie arbeiten. Diese war nach ca. 4 Stunden und 1300 Fotos zu ca. 50% verbraucht. Eine Ganztagesreportage dürfte man mit einer Batterie also nicht durchstehen. In Hinblick auf die Rechenleistung und den elektronischen Sucher sind das aber gefühlt sehr gute Werte.

Punktabzüge

Keine Kamera ist die eierlegende Wollmilchsau, aber die Alpha 9 ist nah dran. Sie kann eigentlich alles, was ich mir als Hochzeitsfotograf von einer Kamera wünsche. Auch für spezielle Gebiete wie z. B. Sport- und Tierfotografie dürfte dieses Modell hochgradig geeignet sein. Allerdings vermisse ich die Abblendtaste. Diese gibt es bei der A9 mangels Notwendigkeit nicht mehr, da die Blendeneinstellungen direkt im elektronischen Sucher bzw. auf dem Display sichtbar sind. An der DSLR habe ich mir die Taste als Umschalter für den Follow-Fokus konfiguriert. So kann ich bei Bedarf schnell in den Verfolgungsmodus schalten, ohne das Auge vom Sucher zu nehmen. Bei der A9 muss man auf dieses nette Feature verzichten.

Für die Hochzeitsfotografie ist es zwar nicht relevant, aber mir fehlt für die Luftbildfotografie eine professionelle GPS-Option. Derzeit ist nicht einmal ein nachrüstbares Zusatzmodul verfügbar, wie z. B. der Canon GPS-Emfpänger GP-E2 für den Blitzschuh. Eine Nachfrage bei Sony ergab, dass derzeit auch nichts dergleichen angedacht ist. Es gibt zwar die Möglichkeit, die Kamera mit einem iPhone zu koppeln und über eine spezielle App die GPS-Daten in die EXIF-Informationen zu übernehmen, das ist aber wenig professionell und funktioniert bereits dann nicht mehr, wenn man mit zwei Kameras im Helikopter sitzt. Da werde ich entweder den Kompromiss mit der App eingehen müssen oder aber für die Luftbildfotografie vorläufig weiter auf Canon setzen.

Etwas dürftig ist die Leistung des Displays ausgefallen. Bei starker Sonne sieht man quasi nichts. Aber dafür kann man ja durch den Sucher schauen, über den sich die geschossenen Bilder übrigens hervorragend beurteilen lassen.

Fazit

Damit bin ich auch schon am Ende meines Erfahrungsberichts angelangt. Die Kamera birgt zwar noch viele weitere interessante Features (z. B. Wifi-Übertragung), aber irgendwas muss ich mir ja noch zum Entdecken aufheben, wenn irgendwann die Anschaffung ins Haus steht. Und die wird kommen. Die Sony Alpha 9 hat mich hochgradig begeistert und scheint mir nach derzeitigem Stand DIE Kamera für Hochzeitsfotografie zu sein. Zumindest aus meiner Sicht.

Allerdings ist der Listenpreis mit rund EUR 5.300 nicht gerade ein Schnäppchen und für zwei Bodies mit Batteriegriffen, Zusatzbatterien, neuer Objektive etc. kommt eine nette Summe zusammen. Spenden nehme ich gerne entgegen 🙂